Und nochmal Grasse, und nochmal Parfüm

p248Da es bereits am Abend, als wir aus Antibes zurückkehrten, schon wieder regnete und der Wetterbericht auch für den folgenden Tag keinerlei Besserung in Aussicht stellte, entschlossen wir uns zu einem weiteren Besuch in Grasse. Immerhin versprach das internationale Museum des Parfüms und dessen Herstellung ein paar interessante und vor allem trockene Stunden.
In der Nacht hatten wir das Gefühl, wir würden wohl bald vom Regen bzw. von dem unter dem Zelt hindurchfließenden Wasser weggespült. Als auch am Morgen diese Sintflut nicht zu stoppen war, entschlossen wir uns, die Campingplatzbesitzer um ein Omelette anzuflehen, das es eigentlich nur zum Abendessen gab. Frau hatte ein Einsehen, und wir hatten ein füllendes heißes Frühstück. Das Museum in Grasse überforderte mich dann später fast. Wer richtig besessen ist von Parfüm, den tausenden dazu gehörigen Flacons der letzten zwei bis drei Jahrhunderte und den damit verbundenen Moden, für den oder die ist dieses Haus ein Mecca. Für alle anderen kann es zur Geduldsprobe oder gar zur Qual werden. In Ermangelung von weiteren Schlechtwetteralternativen ließ sich aber sogar dem musealen Parfümoverkill reichlich Interessantes abgewinnen.
Nicht ohne Augenzwinkern wurde etwa die jahrhundertelange Abneigung der Franzosen gegen das Waschen und die daraus entstandene Notwendigkeit der Bekämpfung übler Körperausdünstungen mittels Duftwässerchen den mehr oder minder ungebrochenen Badekulturen anderer Völker gegenäber gestellt. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts hatte man in Frankreich die bis dato verbreiteten öffentlichen Badehäuser verboten, um der Verbreitung von Seuchen – und nicht zuletzt auch der „Unmoral“ Einhalt zu gebieten. Die Nordeuropäer (besonders Russen und Finnen) hingegen machten, wie es augenzwinkernd hieß, machten ungeniert weiter mit ihren kollektiven und nackten Bade- und Saunafreuden. So sei die kollektive Nacktheit heute in Saunas in ganz Nordeuropa verbreitet!!! Wer jemals eine französische Sauna besucht hat, wie wir dies vor einigen Jahren in Digne-les-Bains ebenfalls auf der Flucht vor Költe und Regen taten, weiß, dass Nacktheit im katholischen Frankreich schier unvorstellbar scheint. Natürlich fanden in diesem Zusammenhang auch die japanische Kultur kollektiver Körperreinigung und das islamische Hamam Erwähnung.
Das Museumskonzept sieht die Teilhabe aller Sinne vor. Diverse Riechstationen schmeichelten der Nase mal mehr, mal weniger. Der absolute Tiefpunkt war allerdings erreicht, als eine Riechprobe zur Demonstration animalischer Grundsubstanzen der Parfümherstellung an Deutlichkeit kaum zu übertreffende Assoziationen mit gärenden Fäkalien heraufbeschwor.
Nicht alles war derart abgründig. Wer hätte gewusst, dass der Duft von Maiglöckchen seit mehr als hundert Jahren zwar aus extrem vielen Parfüms nicht wegzudenken ist, sich aus diesen Pflanzen bzw. Deren Blüten beim besten Willen bis heute kein Duft extrahieren lässt? Gleiches gilt übrigens auch für Flieder, Veilchen und Geisblatt. Jeglicher an die Blüten dieser Pflanzen erinnernde Duft ist demnach mit Sicherheit ein reines Kunstprodukt der chemischen Industrie und frei von natürlichen Stoffen. Fünf Riechproben zeigten darüber hinaus noch, wie stark sich die Repräsentation von Maiglöckchen in Parfüms sich innerhalb der letzten hundert Jahre seit der Erfindung des künstlichen Maiglöckchenaromas verändert hat. Um 1900 roch es schwer und fast betäubend. 1970 kam eine starke Zitrusnote hinzu, die in den Neunziger Jahren wieder zugunsten floraler Nuancen verschwand. So sind selbst (künstliche) Maiglöckchen Modewellen ausgesetzt… Allein von 2000 bis 2011 wurden weltweit übrigens an die 5000 Parfüms neu auf den Markt gebracht. Die meisten verschwanden aber wieder ebenso schnell wie sie eingeführt worden waren. 60-80% des Preisen, den die Käuferin für ein Duftwässerchen ausgibt, entfällt auf den Flacon. Das eigentlich wichtige und wertvolle, könnte man somit schließen, ist demnach die Verpackung. Nicht schlecht staunten wir auch, als wir bei einem der führenden örtlichen Parfümeure (immerhin arbeiten in Grasse 3000 Menschen in der Duftindustrie und produzieren 6% der Weltproduktion von Parfüms) seinen Lavendel aus Russland bezieht und nicht von den provenzalischen oder den inzwischen ebenfalls hinreichend bekannten ägyptischen Lavandinfeldern.
Alles hat eben seinen Preis, und der entscheidet über Markterfolg oder Untergang. Auf diese Weise starb die einst blühende Seidenherstellung in der Provence und der Ardèche ebenso aus wie der Anbau von Safrankrokussen. In Maljasset hatten wir ein kleines verwildertes Feld am Wegesrand mit tausenden von blühenden Krokussen gesehen – Zeuge längst vergangener Safranproduktion in diesem einsamen Bergnest auf 1900 Meter Höhe.

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