Visionäre Wohnmaschine

p362Le Corbusier konnte sich Anfang der 50er Jahre in Marseille verwirklichen. Die Idee von der Kleinstadt in einem einzigen Hochhaus war damals revolutionär, aber auch in der damaligen Gegenwart gefangen. So ist das dritte Stockwerk des cité radieuse genannten Gebäudes mit Läden, einem Restaurant und einem Hotel ausgestattet. Damals mögen Leute mit kleinem Geldbeutel, für die die Anlage ursprünglich gebaut wurde, mit einem kleinen Supermarkt und einem Restaurant zufrieden gewesen sein. Heute geht dieses Konzept jedoch schon lange nicht mehr auf. Die Leute wollen Auswahl und Abwechslung.
In vielerlei Hinsicht wird deutlich, dass Le Corbusier hier in vertikaler Form eher eine dörfliche denn eine städtische Gemeinschaft rekonstruieren wollte. Dieses Modell muss jedoch als gescheitert betrachtet gelten. Auch wohnen längst keine Sozialmieter mehr in der durchdesignten Wohnmaschine. Heute sind es meist gutsituierte Fans, die dort ihre Eigentumswohnungen mit zukunftsweisender Originalausstattung aus den frühen Fünfzigern genießen. Von dem wirklich toll durchdachten Konzept und dem Charakter der Wohnungen als begehbaren und belebten Gesamtkunstwerk konnte ich mich im Rahmen einer Besichtigung überzeugen. Aus besonderem Anlass öffneten einige Bewohner ihre Wohnungen und erzählten von ihrem Leben in diesem komplett denkmalgeschützten Gebäude. Sogar eine der ersten Mieterinnen, die noch heute dort lebt, berichtete von den Anfangsjahren und ihrer Begegnung mit dem Architekten daselbst. Wie sehr dieser in seiner Zeit verankert war, zeigt etwa der Kubus, der im Flur vor jeder Wohnung hängt. Dieser war für Eis gedacht, das regelmäßig zur Kühlung von Lebensmitteln geliefert wurde. Obwohl von außen ultramoderne Spannbetonarchitektur trug das Gesamtkonzept der Tatsache Rechnung, das die Franzosen damals selbst in der Großstadt Marseille keine elektrischen Kühlschränke besaßen und in ländlichen Regionen Eisfabriken, die Blöcke für die Bestückung von wirklichen Eisschränken noch bis in die neunziger Jahre keine Seltenheit waren. Auf der anderen Seite war jede Wohnung der cité radieuse mit Dunstabzug und Müllschlucker sowie zwei Bädern ausgestattet. Auch erstreckt sich jede einzelne Wohneinheit über zwei Stockwerke, damit Fenster und Balkone sowohl nach Südosten als auch nach Nordwesten von Licht und Sonne profitieren. Alles, auch in der Inneneinrichtung der Wohnungen war bis ins kleinste Detail genial durchdacht. Auf der Strecke drohten dabei allerdings Spontaneität, Individualismus und Anarchie zu bleiben …

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