Alles nicht mehr das, was es einmal war

p374Nach den Tagen in der Region Ardèche folgte unser eigentlich erster großer Ortswechsel mit mehrstündiger Fahrt auf der Autobahn. Mit einem kurzen Abstecher in Nîmes (Mittagessen in der zentralen Markthalle: Kaninchenleber, Kichererbsen, schwarze Linsen und Tabouleh) erreichten wir am späten Nachmittag Lagrasse, die ehemalige „Metropole“ der Corbieres. Der Campingplatz war sehr schön oberhalb des Städtchens gelegen, verfügte über recht rudimentäre Ausstattung und drohte überdies von Landregen heimgesucht zu werden. Ein Gästezimmer bei einem Winzer im nahegelegenen Talairan schien die richtige Wahl. Unser Zimmer wies aus unserer Sicht noch die kaum veränderte Originalausstattung des vorletzten Jahrhunderts auf, angefangen bei der Textiltapete über die Beleuchtung bis hin zum Bett… Am folgenden Sonntag fuhren wir nach Besichtigung der eindrucksvollen Abtei von Lagrasse und einem ausgedehnten Rundgang über den Trödelmarkt (bei Regen und Kälte übrigens) weiter in den Dreihäuserort Pont d’Orbieu mitten in den Bergen des Weinanbaugebiets Corbieres, in dem uns in unserem neuen Domizil ein ehemaliger Küchenchef aus Nizza begrüßte und kulinarisch an zwei Abenden verwöhnte.
Von unserem Wirt mit zusätzlichen Adressen zu den uns schon vertrauten Winzern versorgt machten wir uns dann an die Arbeit, die der eigentliche Grund für unser Vordringen in diese dünn besiedelte und unwegsame Bergregion war – Weineinkauf. Am Ende des Tages, wie es neudeutsch so häufig und in diesem Fall sogar zutreffend heißt, war unser Auto etwa 80 Weinflaschen schwerer und unser durch vielen wetterbedingten Übernachtungen in chambres d’hôtes ohnehin arg geschröpftes Konto entsprechend leichter.
Immer noch gibt es hier sehr leckere, wenn auch schwere, Rotweine von hervorragender Qualität. Und doch konnten wir uns gemischter Gefühle auf unserer Tour de vin nicht erwehren. Dass mehr und mehr Winzer sich dem biologischen Anbau verschreiben gefällt uns natürlich. Andererseits ist dies nur ein Symptom eines ökonomischen Wandels, der auch negative Spuren hinterlässt. So werden die einst in ähnlicher Weise wie in Cahors kantigen und charaktervollen Weine des Corbiere und des Fitou immer runder und gefälliger – und damit massenmarkttauglicher. Das funktioniert letztlich jedoch nur auf Kosten der Lagerfähigkeit und des Entwicklungspotenzial bei längerer Lagerung. Konnte man noch vor ein paar Jahren die Weine der Region problemlos über zehn Jahre einkellern und hatte dann als Belohnung für den langen Atem herrliche Tropfen, die ihrerseits wiederum lange atmen mussten, bevor sie das richtige Aroma im Glas und am Gaumen entwickelten, so geht die Tendenz heute überall zur Produktion sofort nach Kauf trinkbarer „moderner“ Weine. Diese Entwicklung, verbunden mit der Modernisierung der Etiketten und dem Abschied von der klassischen Flaschenform für Fitouweine, macht selbst vor so traditionellen Erzeugern nicht Halt wie dem Chateau de Nouvelles, das den abgebildeten Weinkeller mit den uralten riesigen Holzfässern sein eigen nennt. Immerhin existiert es noch und kann sich ebenso in seiner Nische behaupten wie die stark modernisierte und anscheinend ebenso expandierende Erzeugergenossenschaft von Mont Tauch in Tuchan. Von unserem Liebling Chateau des Erles kann man das leider nicht sagen. Eine moderne Gründung der neunziger Jahre und auf hohe Qualität setzend hat es trotz Erntehelfern aus dem billigen Mazedonien nicht lange überlebt.

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