Durch die Sparkasse ins Kulturgut

p422-scaled1000Nach zwei Loire-Schlössern war mal wieder die Zeit reif für den Besuch eine geistlichen Stätte. Als eines der größten Klosterkomplexe Frankreichs in gut designten Farbprospekten angepriesen schien das sog. königliche Kloster Fontevraud einen durchaus interessanten Besuch zu versprechen. Außerdem ist ja Richard Löwenherz, Held meiner Kindheit, hier begraben.
Um die Sache kurz zu machen: Das Kloster war eine ziemliche Enttäuschung und im Vergleich den Schlössern in der Gegend und anderen Klosteranlagen im Süden den Besuch nicht wert. Schon der Beginn der Besichtigung war verstörend. über einen großen leeren Hof hinweg sieht man einen mit großen getönten Glastüren ausgestatteten und von eingerahmten Eingang – und fragt sich spontan, was denn die Sparkassenfiliale dort zu suchen hat. Hinter den Automatiktüren verbirgt sich dann der ebenfalls an Bankfiliale oder Kundenzentrum der Hamburger Meldebehörde erinnernde Empfangsbereich mit Ticketschalter. Verlässt man diesen Bereich nun durch die Hintertür, steht man vor der imposant großen Klosterkirche.
Da diese von Anbeginn von Äbtissinnen geleitete und von Nonnen und Mönchen gleichermaßen bewohnte Klosteranlage jedoch nach der französischen Revolution enteignet, geplündert, dem Verfall preisgegeben, als Steinbruch benutzt und schließlich zum Zuchthaus umfunktioniert wurde, das der letzte Insasse erst 1985 verließ, handelt es sich bei den heute hier zu sehenden Bauwerken um Teilrekonstruktionen ohne jegliches ursprüngliche Inventar – wenn man von den vier im leeren Hauptschiff der Kirche ausgestellten Königs- und Königinnensarkophagen absieht.
Die Geschichte der Kloster- und Ordensgründung ist aber das eigentlich Interessante. Der Sohn eines Pfarrers und Kritiker des moralischen Verfalls der Kirche betätigte sich als Wanderprediger, dessen Charisma und moralische Rigorosität schnell zum Anwachsen einer treuen Gefolgschaft führte. Mit der Ausweitung der Anhängerschaft in höhere gesellschaftliche Kreise wurden auch die Repräsentanten der weltlichen und kirchlichen Macht zunehmend unruhig. Hier wuchs eine schwer kontrollierbare Gegenmacht und Bedrohung der herrschenden Ordnung heran. Als der mobile Prediger zur Stärkung seiner moralischen Kraft dazu überging die Nächte im Kreise weiblicher Anhänger im Wald zu verbringen, lief das berühmte Fass über. Da man den Mann unter Kontrolle bringen wollte, seiner jedoch kaum habhaft werden konnte, solange er mobil blieb, kam man auf die Idee ihn sesshaft zu machen. Was lag da näher als in gemeinsamer Anstrengung Land und Mittel bereit zu stellen und ein Kloster für diesen gefährlichen Querdenker zu bauen. In der ersten Zeit lebten zwar in revolutionärer Weise Mönche und Nonnen zusammen. Bald wurde diese Praxis dann jedoch durch das Einziehen neuer Mauern auf dem Klostergelände beendet. Und auch in vielerlei anderer Hinsicht war mit der Sesshaftmachung dieser Bewegung deren revolutionäre Speerspitze gebrochen. Die Praktiken wurden nach und nach wieder den gängigen mittelalterlichen Standards angepasst.

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