Vor und hinter verschlossenen Türen

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Anders als den Ladenzeilen fehlen den westlich beeinflussten Wohnhäusern, die vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Beginn der vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts als Ausdruck von Modernität in Beton errichtet wurden, die typischen Arkadengänge. Dafür weisen die meisten trotz  aller Urbanität ein spezifisches Element ländlicher Architektur auf: Eine traditionell aus horizontalen Holzstangen bestehende Schiebetür, mit der das Haus verschlossen und doch gut durchlüftet gehalten werden kann.

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Bei den ganz modernen Varianten handelt es sich um Metallgitter im Ziehharmonikastil. Vielleicht handelt es sich auch um eine spätere Modernisierung…

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Beiden ist gemein, dass man aus dem schattigen Inneren, wie unten aus einem Klanhaus heraus, in dem die Geburtstunde der lokalen Operntradition geschlagen haben soll, einen guten Blick auf die Straße hat ohne selbst gesehen zu werden.

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Was dem flüchtigen Betrachter früher entging, offenbart sich allerdings heute dem geübten – oder auch nur dreisten – Beobachter: unerwünschte Einblicke ins private Innere dank digitaler Fototechnik. Nirgends ist man mehr vor dem bösen oder auch nur neugierigen Blick sicher.

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Doch auch wenn Spiegel, die das Böse abwehren sollen, kleine Altäre und Gefäße für das tägliche Weihrauchopfer von der Wiederherstellung traditionaler Normalität zeugen, so sind die letzten 60 Jahre seit der Gründung der Volksrepublik keineswegs spurlos an diesen Häusern vorbei gegangen. Mal sind es nur die Parolen der Kulturrevolution, die noch mehr oder minder gut sichtbar an Wänden oder beiderseits der Eingangstüren im Stile traditioneller Neujahrswünsche zu erkennen sind und vom Ruhm der Partei künden (Foto oben) oder dazu aufrufen, den Worten des Großen Vorsitzenden zu folgen (Foto unten).

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Viel einschneidender sind jedoch bis heute die politischen Ereignisse, die überall im Land dafür sorgten, dass großbürgerliche Einfamilienhäuser zu proletarischen Behausungen für eine viel höhere Zahl von Bewohnern – vielfach ländliche Migranten – wurden.

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Zwar ist man hier im kulturrevolutionären Wahn wohl nicht soweit gegangen wie in Beijing die Toiletten mit Wasserspülung als bourgeoise Verfehlung zu zerschlagen, doch spätestens seit den Masseneinquartierungen der 50er und 60er Jahre erfreuten sich diese Gebäude in der Regel keiner wert- und funktionserhaltenden Wartung. Wer in solchermaßen beengten Wohnverhältnissen in einst eher luxuriösen Gebäuden das Glück hat im Erdgeschoss zu wohnen, der tendiert schnell dazu, einige Wohnfunktionen auch in den öffentlichen Raum zu verlegen.

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Das typische Beispiel ist die Küche. Kochen in der Gasse vor der Tür vergrößert nicht nur den Lebensraum. Es befreit das Wohn-/Schlaf-/Esszimmer auch von den Ausdünstungen der Töpfe. Was da unten rechts in der hübschen Plastikschüssel im Wasser auf die Zubereitung wartet, ist eine in ganz Südchina geschätzte Spezialität: Hühnerfüße.

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