Zeitreise nach Kaiping

Zugegeben, echte und nachgemachte Memorabilia aus der Mao-Zeit sind überall in China zu haben. Die Menge der Hinweise auf die Kulturrevolution, die man zumindest beim genaueren Hinsehen sowhl in Guangzhou selbst, noch viel mehr überall sonst in Guangdong, an vielen Gebäuden auch im 21. Jahrhundert noch findet, haben mich dann aber doch überrascht..

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Eine Fahrt von Guangzhou die nicht einmal 150 Km entfernte Region Kaiping mir dem gleichnamigen Ort im Zentrum kommt einer rückwärts gewandten Zeitreise gleich. In den Kleinstädten dieser Region sind noch viele intakte, wenn auch meist heruntergekommene, Straßenzüge mit den typischen Arkadengängen zu sehen, die einst auch in der Provinzhauptstadt allgegenwärtig waren.

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Wo vor hundert Jahren Gewerbe und Handel florierten und von den Verbindungen zu den vielen Auswanderern in Übersee profitierten, haben angesichts der heutigen wirtschaftlichen Bedeutungslosigkeit dieser Orte teilweise wieder sehr ländliche Nutzungsformen Einzug gehalten.

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Nicht überall muss man um Geflügel und Landwirtschaftsmaschinen herum navigieren wie hier in dem Ort Chikan, der als Kulisse für historische chinesische Filme einige Berühmtheit erlangte. Für meinen Besuch hier hatte ich mir allerdings nicht das beste Wetter ausgesucht, weshalb sich mir wohl der ganze Charme des Ortes mit seiner intakten Baumasse aus der Zeit zwischen 1900 und 1940 nicht vollständig offenbaren wollte. Aber bei dem Sauwetter…

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Erst am letzten Tag meines Wochenendausflugs ließ sich die Sonne richtig blicken und setzte die in der aufstrebenden Kreisstadt Kaiping noch verbliebenen Beispiele von Architektur und Städtebau aus der Blütezeit der ersten Hälfte des 20. Jahrhnderts in ein besseres Licht. Hier ein schönes Beispiel für Art Deco à la Chinois.

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Allerdings befindet sich diese Häuserzeile in einer relativ heruntergekommenen Gegend von Kaiping und wird wohl über Kurz oder Lang der Abrissbirne und einem Neubauprojekt zum Opfer fallen. Licht und Schatten sowie der menschenleere Sonntag Vormittag ließen manchmal Assoziationen mit den kulissenhaften Bildern de Chiricos aufkommen.

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Gleich um die Ecke bot sich jedoch herrliches Anschauungsmaterial dafür, wie und unter welchen Produktionsbedingungen die dezentrale und hochflexible, arbeitsintensive chinesische Modeindustrie funktioniert, die den gesamten Weltmarkt flexibel, schnell und billig bedient.

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Verständlich, dass angesichts dieser „Produktionsstätten“ die Qualität der Produkte schon mal schwanken kann und die Präzision der Arbeit manchmal zu wünschen übrig lässt. Ich habe keine Ahnung, um wieviele Einzelbetriebe es sich hier handelt, die an der just in time Produktion dieses Jeansmodells beteiligt sind. Gerade diese Organisation, bei der ein Fertigungsauftrag auf eine schwankende Anzahl von Produzenten verteilt wird, macht die chinesische „Industrieproduktion“ auf der einen Seite so flexibel und reaktionsschnell. Auf der anderen Seite ist dieses System von Teilauftragnehmern und Subunternehmern der Albtraum für jede Qualitätskontrolle. Aber die gilt ohnehin als Sache des Käufers.

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