Von Wehrtürmen und Villen

Die Region um Kaiping herum ist voll von Überraschungen. Schon vor Jahren sah ich durch Zufall ein Foto eines Wachturms, der mich stark an die Gebäude erinnerte, die ich im Chettinad in Südostindien gesehen hatte. Dabei handelte es sich um große Klanhäuser in einer sehr dörflichen Gegend Tamil Nadus. Die Leute hier waren seit dem Ende des 18. Jahrhunderts als internationale Händler reich geweorden und hatten angefangen, ihre Weltläufigkeit in architektonische Projekte umzusetzen. Das Ergebnis war bis in die 40er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein ein ekklektischer Stilmix indischer und europäischer Formensprache.

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Auf ganz ähnliche Ursprünge gehen die mehr als 1000 Wachtürme und Villen in den Dörfern rund um Kaiping zurück. Zahlreiche Emigranten, die es seit Mitte des 19. Jahrhunderts insbesondere nach Südostasien und nach Amerika zog, kamen zu Wohlstand und dokumentierten diesen in ihren Heimatdörfern durch den Bau „westlicher“ Gebäude, die sich nie von den örtlichen Notwendigkeiten und Moden lösten und so zu einer echten west-östlichen Fusion der Stile und Funktionen führten. Seit Jahrhunderten waren in den Dörfern Wach- und Schutztürme gebaut worden, die teils kollektiv, teils im Besitz einzelner Familien, Schutz vor Räubern aber auch vor Überflutungen bieten sollten. Erhöht gebaut boten sie sowohl dem Hab und Gut als auch den Bewohnern der Dörfer Zuflucht vor Natur und Feinden.

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Emigration und vor allem die Berührung, die die Migranten mit dem nagelneuen Baustoff Beton im Ausland hatten, ermöglichten neben deutlich standhafteren Gebäuden auch eine völlig neue architektonische Formensprache.

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Da nun aber niemand das ganze Leben in eisenbewährten Fluchttürmen leben wollte, wurden daneben Villen mit großem Komfort gebaut.

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Besonders im Innern dieser Villen dokumentiert sich der in unterschiedlichem Maße westlich beeinflusste Lebensstandard der Migrantenfamilien.

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Bis hin zu den Essgewohnheiten erfreuten sich die Familien an Importen aus dem fernen Europa. In keiner der Villen und Türme durfte jedoch im obersten Stockwerk der Ahnenaltar der Familie fehlen.

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Ein Blick auf die ehemaligen Bewohner beweist, dass man es in dieser sehr ländlichen und ursprünglich auch armen Gegend Guangdongs aufgrund der Migranteneinkommen und der Erfahrungen dieser Menschen im Ausland durchaus mit der Modernität von Shanghai oder Hongkong aufnehmen konnte.

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Deutlich erkennbar ist der Einfluss, den die neuen Bau- und Wohnformen der Migrantenfamilien bis heute auf die Architektur und das Leben im ländlichen Raum in ganz Südchina einschließlich Hongkongs und Taiwans ausüben.

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Einiges von dem, was da vor knapp hundert Jahren in Beton gegossen wurde, wird wohl auf immer ein Fremdkörper bleiben und es auch nicht wie einige der Dörfer auf die Liste des UNESCO Weltkulturerbes schaffen. Was hier nicht nur aus der Ferne und unter dem düsteren Regenhimmel im Hintergrund wie eine italienische Kirche in einem südchinesischen Dorf zwischen Lotusteichen und Reisfeldern erscheint, wurde als Schule gebaut – als Bildungstempel also. Schräg in der Umsetzung, aber aus Sicht kulturell offener euroaffiner neureicher Migranten als Idee durchaus folgerichtig…

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