Nackt im katholischen Italien

IMG_2854Nackte Körper sind in der europäischen Kunst nun wirklich nichts besonderes. Und gerade die italienische Renaissance ist voll davon. Böse Zungen behaupten nun, dass sowohl Darstellungen biblischer Ereignisse als auch bildliche Rückgriffe auf die griechische Mythologie den Künstlern, Sammlern und Gaffern der Renaissance letztlich nur Mittel zum Zweck waren. Eigentlich ging es nur darum – religiös oder mythologisch legitimiert – die Nacktheit an sich zu feiern. Und wohl auch nicht zuletzt die Erotik, wie wir noch sehen werden.

Die völlig unverhüllte Darstellung des Sündenfalls, die Masolino in den zwanziger Jahren des 15. Jahrhunderts in der Kappelle der Familie Brancacci in der Chiesa Santa Maria del Carmine schuf, hat nun etwa soviel erotische Ausstrahlung wie eine Kartoffel.

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Und auch die an der gegenüberliegenden Wand nachfolgende Vertreibung aus dem Paradies von Masaccio wirkt auf den heutigen Betrachter denkbar ungeeignet als Pin-up.

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Dennoch waren die nackten Tatsachen dem dritten der medicianischen Cosimos im 17. Jahrhundert zuviel des Guten. Er ließ die Details bei der Restaurierung der Kirche, die abgesehen von der Brancacci Kapelle fast ausgebrannt war, einfach mit den üblichen floralen Verhüllungen übermalen. In völliger Nacktheit sind Adam und Eva erst seit wenigen Jahren nach erneuter Restaurierung wieder zu sehen.

Meine Frau denkt ja selbst bei Betrachtung der in vielen Kirchen allgegenwärtigen Putten sofort an verdeckte und verdrängte pädophile und homosexuelle Traditionen der katholischen Kirche. Selbst wenn man soweit nicht gehen will, muten einige Darstellungen biblischer Helden und und griechischer Götter und Halbgötter im Kontext der Skandale der zölibatsgeknechteten Männergesellschaft der katholischen Amtskirche wirklich an wie religiös und mythologisch verklärte Pin-ups. Etwa Donatellos Bronze-David mit Schwert und sehr jugendlichem Körper (1444-46) im Bargello.

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Ebenso reizend, eindeutig minderjährig und noch nicht voll entwickelt zeigt sich gleich nebenan auch diese schlanke Bronzegrazie.

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Aber es gab auch in der florentinischen Renaissance durchaus Auftraggeber mit anderen Vorlieben als Androgynität. Da darf sich der Jüngling auf einem religösen Fresco im Palazzo Vecchio schon mal mit einer Andeutung von Sixpack in Szene setzen.

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Verrenkungen boten den Künstlern die Möglichkeit, ihr Können unter Beweis zu stellen. Und mal ehrlich, attraktiver als der stocksteife Adam beim Sündenfall ist ein solcher Jüngling allemal.

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Michelangelos monströs großer und als muskelbepackter Gegenentwurf zu Donatellos bronzenem Jüngling ausgeführter Marmor-David, der nur noch als Kopie vor der Piazza della Signoria steht, während das Original stark bewacht und gegen Fotografen aller Art ebenso hermetisch abgeschirmt wie geschützt vor Witterungseinflüssen in der Accademia weilt, darf da selbstverständlich in der Reihe berühmter nackter Kerle nicht fehlen. (Ist Euch aufgefallen, dass er viel zu große Hände hat?)

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Natürlich kamen und kommen auch die Liebhaber des entwickelten weiblichen Aktes in Florenz nicht zu kurz. Immer wieder beliebt wegen der Dynamik und des weiblichen Sich-Windens und Sich-Wehrens: Der Raub der Sabinerinnen.

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Und der (verlängerte) Rücken dieser Sabinerin, von Giambologna 1583 auf der Piazza della Signoria aufgestellt, kann doch wirklich entzücken…

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Am schönsten sind aber die Darstellungen selbstbewusster weiblicher Sexualität, frontal und keinesfalls mit Reizen geizend.

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Die anderen Figuren des heute im Innenhof des Bargello aufgestellten Gesamtensembles für einen Brunnnen sind da nur Staffage, obwohl eine davon den Arno symbolisiert. Welche Phantasien werden da wohl angesprochen, wenn die Marmorbrüste Brunnenwasser speien?

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Leda und der Schwan ist wohl die bekannteste Geschichte aus der griechischen Mythologie, die sich seit der Renaissance aufgrund ihres eindeutigen sexuellen Charakters allergrößter Beliebtheit erfreut. Schließlich handelt es sich ja immer um hohe Kunst, wenn die griechischen Götter gefeiert werden. Wenn dann bevorzugt die Eskapaden des Zeus auf die Leinwand gebannt oder aus dem Marmor gehauen werden, kann eigentlich nicht mal die prüde und sexualfeindliche katholische Kirche protestieren. Was sonst als „Leda und der Schwan“ durchgeht, ist in diesem Fall jedoch eindeutig zu „Leda mit dem Schwan“ geworden!

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Das pralle dionysische Leben!!!

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