Von Sufis und Konkubinen

Das bekannteste Gebäude von Kashgar ist ein Mausoleum, das bei meinem ersten Besuch noch ganz weit draußen außerhalb der Oasenstadt lag, heute mit seinem angrenzenden Friedhof aber schon von einem der Neubauviertel eingeschlossen ist.

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zIMG_4766_Bildgröße ändernHierher pilgerten früher chinesische Touristen ebenso wie – und vielleicht noch mehr – muslimische Uighuren. Heute in Zeiten der Repression in Xinjiang kommen nur noch die Han-chinesischen Teilnehmer an touristischen Expeditionen in Chinas Wilden Westen.

zIMG_4690_Bildgröße ändernDie religiöse und identitätsstiftende Bedeutung des Grabmals als muslimisches Heiligtum in Xinjiang tritt in der Wahrnehmung heute in den Hintergrund zugunsten der romantischen Verklärung in der Han-chinesischen Interpretation dieses Ortes.

Angelegt wurde das Mausoleum um 1640 von Afaq Khoja für seinen Vater, Sufi-Lehrer und Staatsmann Muhammad Yusuf. Bekannt ist es jedoch unter dem Namen des Erbauers, der hier ebenso wie insgesamt 72 Mitglieder der Familie über fünf Generationen hinweg beerdigt wurde.

Damit wurde dieses Grabmal zum Kulminationspunkt uighurischer Identität einerseits, zog andererseits bei meinem Besuch Mitte der 1980er aber auch einen nicht abreißenden Strom muslimischer Pilger aus der Region an, die sich von den verblichenen Meistern Lebenshilfe für ihr eigenes Hier und Jetzt erhofften.

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Frauen, die hier einen Fetzen aus ihren Kleidern rissen, um diesen zur Unterstützung ihrer Wünsche an das Holzgitter des Mausoleums zu knoten, waren kein seltener Anblick. Das war einmal.

zIMG_4700_Bildgröße ändernHeute sind es eher Han-chinesische Besucher, die das Gebäude definieren. Und die sehen es primär als das Grab der Duftenden Konkubine, ursprünglich Frau eines aus chinesischer Sicht aufständischen und unbotmäßigen uighurischen Regionalfürsten, die nach dessen Niederwerfung an den Hof des Kaisers Qianlong gebracht wurde. Kaiser Qianlong soll sich sofort unsterblich in die uighurische Schönheit verliebt haben…

Allerdings hat diese Geschichte einige entscheidende Schönheitsfehler. Zum Einen ist ziemlich sicher, dass dieses Grabmal mitnichten die letzte Ruhestätte dieser Konkubine mit Namen Irphahan ist.

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Außerdem dürfte Geisel den Status der uighurischen Witwe wohl besser treffen als die romantisierende chinesische Bezeichnung Duftende Konkubine. Nicht nur nach der uighurischer Lesart der Geschichte ist die Frau in der fernen chinesischen Hauptstadt umgekommen, entweder zum Selbstmord gezwungen oder auf Geheiß der Kaiserfamilie ermordet.

Damit eignet sie sich eher als Identifikationsfigur gegen Beijing denn als Symbol der Völkerverständigung zwischen Uighuren und Han. Das macht sie angesichts der repressiven Politik in Xinjiang gefährlich. Also hält man die Gebetsräume rund um das Mausoleum besser geschlossen und frei von muslimisch uighurischen Pilgern. Man weiß ja nie…

Neben den architektonischen Details, die einen Besuch dort wirklich lohnend machten, hatten wir auch noch eine sehr amüsante Begegnung mit einem kecken uighurischen Mädchen, das (Mama arbeitet dort irgendwo) sich dort die Zeit vertrieb und nur sehr halbherzig versuchte, den wenigen chinesischen Touristen billige Kinderhaarspangen aufzuschwatzen…

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Die Haarspanngen konnte die Kleine nicht wirklich erfolgreich an die Frau bringen. Aber immerhin konnte sie ein paar Buntstifte abstauben…

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